Diabetes mellitus - Schicksal?

Fast jeder, der diesen Text liest, hat schon davon gehört: Diabetes. Vielleicht sind sie selbst betroffen, sie kennen jemanden oder sie sorgen sich vielleicht um jemanden.

Vielleicht haben sie die Hoffnung nun endlich einen Weg zur Heilung des Diabetes zu erfahren oder wenigstens zu einer Besserung. Die gute Nachricht zuerst: Sie können selbst sehr viel zum Verlauf der Erkrankung Diabetes beitragen. Die schlechte Nachricht: es bedeutet „Arbeit“ für Sie.

Was ist Diabetes und wie entsteht er?

Diabetes bedeutet einen zu hohen Gehalt an Zucker im Blut. Gemeint ist hier ein so genannter Einfachzucker (Glukose). Wir kennen ihn als Traubenzucker. Viele von Ihnen kennen verschieden Zuckerarten - wie Fruchtzucker oder Milchzucker. Eigentlich alle Kohlenhydrate beinhalten den Baustein Glukose. Vom Darm kann allerdings nur dieser Einfachzucker in But aufgenommen werden. Das heißt, alle „Zucker“ bzw. Kohlenhydrate (z.B. auch Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis - alles was „satt macht“) müssen zuerst im Darm in diesen Einfachzucker (Glukose) aufgespalten werden, um ins Blut zu gelangen. Im Blut muss die Glukose in engen Grenzen konstant gehalten werden.

Folgen von Diabetes
Ein zu hoher Blutzucker schädigt die Gefäßwand und das führt zu Arteriosklerose (Gefäßverkalkung). Wenn die „Leitungen“ die Nährstoffe nicht mehr dorthin bringen können, wo sie gebraucht werden, leiden die Organe am Ende dieser „Leitung". Das nennt man Endorgan-Schäden. Besser bekannt als z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall. Zuerst leiden allerdings die empfindlichsten, zartesten Gefäße. Diese sind im Auge (daher das Risiko als Diabetesfolge zu erblinden), in der Niere (Dialyse/Nierenwäsche) und die feinen Gefäße, die die Nerven versorgen (Polyneuropathie genannt, mit brennenden Fußsohlen und komischem Gefühl an den Füßen und Beinen). Das sind typische Folgen des Diabetes.

Die Erkrankung selbst ist sehr komplex

Ich schildere den Erkrankungsverlauf stark vereinfacht und verkürzt: Sie essen Zucker. Der Darm spaltet ihn zu Glukose auf. Das Blut transportiert den Zucker zu den einzelnen Organen, deren kleinste Teile die Zellen sind. Diese Zellen können den Blutzucker (Ausnahme sind Nervenzellen) nicht einfach so aus dem Blut aufnehmen. Sie benötigen dafür Insulin. Die Bauchspeicheldrüse überwacht den Blutzucker und entscheidet, ob sie Insulin ausschütten muss. Wenn wir Sport betreiben, dann benötigen die Muskelzellen Energie. Das heißt der Zucker wird gleich in Energie umgewandelt. Wenn wir jedoch Zucker essen und uns nicht bewegen, speichert die Leber die Energie. Wir können uns das so vorstellen: das Insulin „klingelt“ bei jeder Zuckeraufnahme bei der Leber. Wie geht es uns, wenn immer der Selbe zu Besuch kommt? Wir sind nicht mehr motiviert, die Tür zu öffnen. Wir wissen ja, wer schon wieder draußen steht. Genauso geht es der Leber. Das nennt man Insulin-Resistenz. Die Bauchspeicheldrüse ist ja auch nicht „dumm“. Sie denkt sich, dann schicke ich eben mehr Insulin-Boten los. Mit dieser Überproduktion an Insulin gelingt es der Bauchspeicheldrüse dann den Zucker eine Zeitlang im Blut im Normbereich zu halten. Aber irgendwann ist die Bauchspeicheldrüse erschöpft. Sie kann nicht noch mehr Insulin herstellen und dann erst steigt der Blutzucker an. Diabetes entsteht also bereits viel früher, als er letztlich festgestellt wird.

Vom klassischen Typ II Diabetes, muss der Diabetes Typ I unterschieden werden.

Es handelt es sich um zwei unterschiedliche Erkrankungen, die nur die gleichen Folgen, nämlich die Erhöhung des Zuckers im Blut zur Folge haben. Auslöser des Typ I Diabetes ist eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die zu einem Insulin-Mangel führt. Diese Entzündung tritt bevorzugt bei Kindern und Jugendlichen auf, kann aber in jedem Alter auftreten.

Warum ich? Welche Möglichkeiten und Lösungen gibt es?

Oft ist es gut, zu den Wurzeln eines Problems zurückzugehen, um es zu lösen. Dies gilt auch oder vielleicht sogar im Besonderen für den Diabetes Typ II. Der Diabetes hat nämlich mehrere Wurzeln. Zuerst besteht eine genetische Neigung zu dieser Erkrankung. Betroffene stellen oft fest, dass der Vater, die Mutter oder ein Geschwister auch Diabetes haben. Es liegt somit in der Familie oder wissenschaftlich ausgedrückt, in den Genen. Natürlich kann man sich seine Verwandten nicht aussuchen und somit an diesem „Erbe“ nichts ändern. Aber es tut gut zu wissen, dass man nicht „schuld“ ist, sondern eben durch die Verteilung der Gene „Pech“ hatte. Ein weiterer Grund für Diabetes ist das Maß an Bewegung. Immer, wenn Sie sich nicht bewegen, wird der Blutzucker nicht zum Direkt- Verbraucher Muskel, sondern zum Speicher Leber mit den erwähnten Folgen gebracht. Auch wenn Sie sich bewegen, aber mehr Energie aufnehmen, als Sie verbrauchen, passiert das Selbe. Sie wird gespeichert. Als Speicherzucker oder Fett. Eine Folge ist die sogenannte Fettleber mit dem Problem der oben geschilderten Insulinresistenz. Das Ausmaß an Bewegung (Verbrauch) und die Energiezufuhr beeinflussen also die Entstehung des Diabetes.

 

Bewegen Sie sich und achten Sie auf Ihre Ernährung

Übrigens verbrauchen Sie gerade beim Lesen und Denken auch jede Menge Zucker, der ganz direkt in die Nerven (ohne Insulin) geliefert wird. Und nun zu Ihrer „Arbeit“, die ich eingangs erwähnte. Sicher ist Ihnen aufgefallen, was ich damit sagen möchte: Bewegen Sie sich und achten Sie auf Ihre Ernährung. Unfairerweise müssen Sie dies viel mehr tun, wenn sie eine genetische Neigung haben. Menschen, die es schaffen, ihr Leben so, zu ändern, haben dann, sobald der Blutzucker wieder im Normbereich ist, per Definition, kein Diabetes mehr. Man könnte meinen, sie wären geheilt. Ich würde eher sagen, sie haben ihre genetische Neigung, dank ihres Lebensstils, unter Kontrolle. Wenn nun der Blutzucker nicht mit Ernährungsumstellung und Bewegung allein zu senken ist, dann kommt der Zeitpunkt fürTabletten. Man kann übrigens recht gut im Blut sehen, wie hoch der Blutzucker im Durchschnitt ist. Er wird nämlich an die roten Blutkörperchen gehängt und diese „Verzuckerung“ kann man im Blut als sogenannten Langzeitzucker (HbA1C) bestimmen. Dies geschieht auch bei Nicht-Diabetikern, aber natürlich durch den geringen Blutzucker-Spiegel in geringerem Ausmaß.

 

Ab einem Langzeitzucker von 6,5% spricht man von einer Diabeteserkrankung.

Welches Ziel für Sie persönlich gilt, hängt von verschieden Faktoren wie z.B. Alter, Begleiterkrankungen, Gefahr für Unterzuckerungen u.v.m. ab. Jetzt ist das Wort gefallen, vor dem sich viele fürchten: Unterzuckerung. Die Grenzen des Blutzuckers gelten nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Das heißt, der Blutzucker darf nicht zu tief absinken. Jeder, der schon einmal eine Unterzuckerung erlebt hat, weiß, wie unangenehm dies ist. Es sind nicht nur die Symptome wie Schwitzen, Zittern, Heißhunger, sondern der Kontrollverlust, der ängstigt. Nervenzellen können, wie oben erwähnt, im Gegensatz zu den anderen Zellen, Zucker ohne Insulin aufnehmen. Das zeigt, wie wichtig Zucker für die Nerven ist. Es heißt ja: „Zucker essen beruhigt die Nerven“. Ist der Zucker so tief gefallen, dass die Nerven nicht mehr versorgt werden, verlieren wir das Bewusstsein. Zum Glück sind wir sehr empfindlich, wenn der Blutzucker zu tief (unter 60-70mg%) absinkt und reagieren

sofort. Nur Menschen, die sehr oft Unterzuckerungen mit sehr tiefen Werten (unter 30mg%) haben, verlieren die Wahrnehmung für den Blutzuckerabfall. Und dies geschieht nicht sofort, sondern benötigt Zeit. Die meisten modernen Diabetes-Tabletten verursachen keine Unterzuckerungen. Ausnahme bilden sogenannte Sulfonylharnstoffe, die nur mehr selten (z.B. bei bestimmten genetischen Diabetesformen) verordnet werden. Sollten die Tabletten zur Kontrolle des Blutzuckers nicht mehr reichen, gibt es Spritzen, die kein Insulin sind, sondern bewirken, dass mehr Insulin ausgeschüttet wird.

Ich habe bereits erwähnt, dass die Bauchspeicheldrüse irgendwann erschöpft ist. Das ist auch das Problem. Sie kann sich eine Zeit durch die Tabletten wieder erholen, aber irgendwann ist sie dann wirklich am Ende. Dann wird Insulin benötig, um den Blutzucker zu senken. Leider muss Insulin ins Unterhautfettgewebe gespritzt werden. Würden wir es essen, wäre es bereits im Mund zum Teil abgebaut. Insulin ist ein Eiweiß, das von unseren Enzymen sofort abgebaut wird. Auch Versuche es einzuatmen, haben bisher keinen Erfolg gebracht. Wichtig ist, dass die Dosis des Insulin sehr genau eingestellt ist.

Die Bauchspeicheldrüse, die ja den Blutzucker messen kann, schüttet kein Insulin mehr aus, wenn dieser unter 80mg% liegt und verhindert so eine Überdosis an Insulin. Das heißt „Nicht Diabetiker“ können praktisch keine Unterzuckerungen erleiden, es sei denn, sie überanstrengen sich vollkommen und missachten alle Signale ihres Körpers. Das gespritzte Insulin dagegen wirkt, sobald es verabreicht wurde, egal wie niedrig der Blutzucker bereits ist. Diabetiker müssen daher nicht nur die Aufgabe der Insulinverabreichung von der Bauchspeicheldrüse übernehmen, sondern auch in gewissem Maße die Steuerung des Blutzuckers übernehmen. Wichtig ist es, dass sie auf die Signale einer Unterzuckerung achten und den Blutzucker regelmäßig messen. Bei Typ I Diabetikerinnen und Diabetikern muss dies sehr exakt erfolgen, da sie das gesamt benötigte Insulin berechnen und spritzen müssen. Typ II Diabetikerin und Diabetiker haben meist den Vorteil, dass die eigene Bauchspeicheldrüse zwar erschöpft ist, aber nicht völlig aufgegeben hat. Das heißt, die Bauchspeicheldrüse hilft noch mit. Dadurch ist das Risiko für Unterzuckerungen oft geringer und mit einer Kombination von Tabletten und Insulin lässt sich eine befriedigende Kontrolle des Diabetes erreichen.

Manchmal haben Menschen neben dem Diabetes zusätzliche Erkrankungen

Solche zusätzlichen Erkrankungen sind z.B. zu hohes Cholesterin oder Bluthochdruck, die dann auch zu Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) führen können. Wenn dazu noch massives Übergewicht (BMI > 35) besteht, dann ist das Risiko, vorzeitig an einer Endorgan- Schädigung wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben, sehr hoch. Diese Patienten können operiert werden. Mit diesen sogenannten „bariatrischen oder metabolischen“ Operationen zu denen z.B. der Magenbypass gehört, verlieren diese Personen nicht nur Gewicht, sondern erlangen die Kontrolle über den Blutzucker zurück. Auch sie scheinen geheilt, aber ich möchte darauf hinweisen, dass bei der Operation nicht „die Gene ausgetauscht“ werden. Warum werden nicht einfach alle operiert? Nun der Erfolg liegt nicht bei 100%. Die Operation ist ein großer Eingriff und kann bisher nicht wieder rückgängig gemacht werden. Außerdem möchte ich noch einmal auf diese, uns allen bekannte, alte Erfahrung, „Zucker beruhige die Nerven“, zurückkommen. Nach der Operation sind die Patientinnen/Patienten zwar meist schlank, aber eine Nebenwirkung könnte sein, dass sie auch weniger glücklich und eventuell depressiv sind. Dies alles gilt es daher zu bedenken.

Ich darf zum Ende eine kleine Lebenserfahrung äußern, die vielleicht auch der eine oder andere von Ihnen gemacht hat: „Der einfache Weg ist selten der Beste.“ Menschen, die ihren Diabetes unter Kontrolle haben und sich regelmäßig bewegen und (nun kann ich es doch noch loswerden) nicht rauchen, berichten über eine höhere Leistungsfähigkeit und bessere Lebensqualität. Es lohnt sich.

Unsere Praxis ist vom 26.10. bis 6.11.2017 geschlossen. Gerne sind wir wieder am 7.11.2017 wieder für Sie da.

Weiterlesen

Vom 11.-15.September fand der Europäische Diabetes-Kongress in Lissabon statt. Nicht nur Ärzte aus Europa, sondern aus der ganzen Welt trafen sich zum...

Weiterlesen

Fast jeder, der diesen Text liest, hat schon davon gehört: Diabetes. Vielleicht sind sie selbst betroffen, sie kennen jemanden oder sie sorgen sich...

Weiterlesen

Die Kosten in allen Bereichen des täglichen Lebens steigen. So auch im Gesundheitswesen. Ein Teil betrifft die Medikamente. So wie es bei allen...

Weiterlesen